Am Mittwoch, den 29. Juli 2009, fand sich – man muss schon fast sagen trotz des hochsommerlichen Wetters – eine Gruppe von ca. 15 Personen zu einer
Führung im Bavariapark München ein, zu der der DGGL-Landesverband Bayern-Süd eingeladen hatte. Das Thema der Pflege als gestaltender Faktor, wesentlich um die Qualitäten von Parks und Gärten zu gewährleisten, beschäftigt die DGGL nicht nur für historische Anlagen. Hier allerdings wird seine Bedeutung besonders deutlich, wie die Ausführungen von LA Otto Efler von Seiten der
Stadt München und LA
Helmut Wiegel, der mit seinem Büro in Bamberg einen Pflegeplan im Auftrag der Stadt ausgearbeitet hat, fachlich untermauert spüren ließen.
Drei Ebenen der Gestaltung nannte Helmut Wiegel, deren Spuren ablesbar bleiben sollten: Die Entstehungszeit bis 1831 als Grünanlage Ludwig I, anfangs noch ein landschaftlich erschlossener Eichenhain mit freier Mitte ohne jede bauliche Ausstattung, gedacht als Teil eines „säkularen Heiligtums“ mit der schon vorgesehenen Ruhmeshalle (1853 von Leo von Klenze erbaut) und Bavaria (1850), dann die Umgestaltung unter Federführung von Prof. Gabriel von Seidl als Messepark (1908), und schließlich der weitere Ausbau in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts. Gestaltqualität sei der Maßstab, wenn man mit Anlagen umgehe, in denen verschiedene Epochen ihre Spuren hinterlassen haben. In allen diesen Phasen sei sie erkennbar.
Einen wirklichen Niedergang habe es erst etwa in den 70er Jahren gegeben. Bis dahin sei trotz der Umnutzungen ein gewissenhafter Umgang mit den Werten der Grünfläche erkennbar gewesen. So habe man zum Beispiel, als für ein Messetheater im Norden der Park „angeknabbert“ worden sei, der Fläche im Süden zum Ausgleich etwas zugegeben. Auch hätte Seidl vorausschauend glockenartig den Park mit Straßen umschlossen, um zu verhindern, dass die Wohnbebauung der wachsenden Stadt zu nah heranrückte.
Als Beispiel einer erhaltenswerten Umgestaltung aus den 50er Jahren benannte Wiegel eine knapp hüfthohe Mauer entlang der Südseite, mit der ein Höhenversprung zu den heutigen Wohngebieten aufgefangen wurde. Man habe die fast noch erhaltenen Reste davon unter einer Mullschicht gefunden – inklusive der früheren Wegeführung. Nachgebaut habe man die Abdeckplatten der Mauer, ansonsten habe man nur kleinere Reparaturen durchführen müssen.
Die Umgestaltung für die Messe von 1908 wandelte den Charakter des Parkes, ohne ihn allerdings in der Substanz zu beschädigen. Im Westen entstand ein repräsentatives Café im Gründerzeitstil, dem zum Park hin ein Kaskadenbrunnen vorgelagert wurde. Dem Stil der Zeit entsprechend war dieser mit sinnhaften Skulpturen geschmückt, deren Namen Ideale ausdrückten: Kraft, Schönheit, Reichtum, Jugend, kurz, was man sich menschlich so wünscht, was nun aber nicht immer zu haben ist, wohl aber dem deutschen Volke in einer Mischung von klassischer Bildung und romantischen Idealen zugedacht werden sollte. Jedenfalls zeigten Efler und Wiegel Photos der imposanten Anlage, die später – wie auch ein Messetheater – dem Bombenkrieg zum Opfer fiel.
Von den Skulpturen sind vier erhalten geblieben, die allerdings später willkürlich im Park verteilt wurden. Ihr Sinnzusammenhang ist so nicht mehr erkennbar.
Trotzdem, wohl auch wegen der unter Denkmalschutz stehenden Messehallen, sind Linien dieser Epoche noch heute spürbar. Das Ansinnen der Landschaftsarchitekten, den Standort der Skulpturen zu überdenken und einen dem historischen Charakter näher kommenden Standort zuzuordnen, war ursprünglich in die Pflegeplanung einkalkuliert. Nachdem ein halbrunder Platz, der an den Kaskadenbrunnen erinnert hätte, nicht umgesetzt werden konnte, präferiert Wiegel eine Aufstellung in einer Reihe entlang des westlichen Verbindungsweges zwischen Wohnbebauung und Park. Leider musste die Maßnahme bisher zurückgestellt werden, da an einem anderen Verbindungsweg durch den Park doch noch eine Beleuchtung eingebaut werden musste, um die sichere Fußweganbindung der südlichen Wohnquartiere an die U-Bahn zu gewährleisten. Für die Versetzung der Skulpturen fehlten dann die Mittel.
Der nun beleuchtete Verbindungsweg war schon im Zuge der Messenutzung zu einer 8 m breiten Asphaltstraße ausgebaut worden. Nach ihrem Umzug nach München Riem konnte er zu einem schmaleren Weg rückgebaut werden. Viele Gesichtspunkte waren dabei zu bedenken: so musste man den Radius so groß halten, dass ein LKW mit Anhänger von der Feuerwehr Zufahrt zur zentralen Wiese behielt: dem Hubschrauber-Landeplatz für den Notarzt für die „Wiesn“. Der musste da nämlich bleiben.
Wege, die in den 80er Jahren angelegt worden waren, in einer Zeit, als der Randbereich des Parks der Messe zugeordnet abgezäunt war und der Öffentlichkeit nur die zentrale Wiese verblieb, die nun durch neue Wege erschlossen werden musste, konnten im Zuge der Umbaumaßnahmen ebenfalls zurückgebaut werden. Manche Teilnehmer der Führung, langjährige Münchner, waren ganz überrascht über die heute wieder öffentlich zugängliche und weiträumig erlebbare Wiese. Von ihrer Existenz hatten sie gar nichts gewusst, obwohl sie durch einen Fußgängertunnel von der Hangkante der Theresienhöhe aus zugänglich war. Der allerdings wäre sinnvoller Weise mit Anbindung an die Wohnquartiere angelegt worden – Ein im Viertel lebender Dichter habe einmal gesagt, der Tunnel sei nur für die Bavaria da.
Die zerschneidende Wirkung der vierspurigen Straße Theresienhöhe sei hoffnungslos, man könne lediglich versuchen zu lindern. Als die Straße Anfang des Jahrhunderts gebaut wurde, sei der heutige Verkehrsdruck noch außerhalb jeder Vorstellung gewesen. Sie war dann auch viel schmaler gewesen und mit einem Bruchteils des Tempos befahren. Heute sei noch nicht einmal mehr eine Überbrückungshilfe in Form etwa eines Zebrastreifens durchsetzbar.
Bei der Ausrichtung der Wege im Masterplan des neuen Stadtquartiers habe man wenig Bezug auf die Parkeingänge genommen. Dennoch haben sich die Planer des Parkpflegewerkes entschlossen, bei der an historischen Plänen orientierten Anordnung zu bleiben. Dies habe sich bewährt. Zwar gäbe es hier und da Trampelpfade, deren Lage sich immer wieder ändere und was sich nie ganz verhindern ließe, im Ganzen sei der Park aber in gutem Pflegezustand. Man habe relativ wenig Probleme mit Müllablagerungen und Übernutzung. Von Anfang an habe man den Wert der zentralen Grünfläche für das neue Wohnquartier erkannt. Von den Wohnquartieren – zum Teil mit Gewerbe gemischt - im Süden und Westen kann man ihn erreichen, ohne eine Autostraße überqueren zu müssen.
Im Norden, zu den denkmalgeschützten Messehallen hin, wird der Park durch eine breite Achse entlang der denkmalgeschützten Messehallen begrenzt. Sie wurde federführend vom Tiefbauamt des Baureferates München geplant und liegt etwa ein Meter höher als der Park. Efler zeigte historische Aufnahmen derselben Wegeverbindung, die nahe legen, dass der Weg früher deutlich tiefer lag. Der Anschluss an die Messehallen habe noch Platz für ein Sockelband unter den Fensterflächen gelassen.
Wiegel hatte zum Park hin, auch um den Höhenunterschied abzupuffern, vorgeschlagen, hier eine Pergole aus den 20er Jahren wieder aufzugreifen und parallel zum breiten Fahrweg einen geschwungenen, von Staudenpflanzungen begleiteten Weg zu führen. Manche der Teilnehmer erinnerten sich noch an den Aufschrei der Bürger, in der Presse wiedergegeben: wozu die Doppelerschließung? Der angefangene Weg wurde wieder zurück gebaut. An zahlreiche Situationen, in denen ein breiter Fahrweg im Übergang zum Park von einem abgesetzten Fußweg begleitet wird, auch in München, scheint sich in der damaligen Erregung niemand erinnert zu haben. Bemerkenswert daran ist, wie wenig ganz offensichtlich planerische Überlegungen, die Kunst, mit geringen Mitteln – hier ein tiefer liegender Weg mit ganz anderer Erlebnisqualität als der einer repräsentativen Achse, begleitet von einer höhenvermittelnden Staudenpflanzung – als Angebot mit eigenständigem Wert wahrgenommen werden. Wenn andernorts Kunstobjekte aufgestellt werden, wird es respektiert und gefeiert. Wo Gartenkunst zur Diskussion steht, weicht die Wertschätzung rein funktionalen Überlegungen.
Auch die Pergole musste entfallen – sie hätte, so Wiegel, zwei weitere Skulpturen erschossen: die Herme und einen ruhenden Faun. So stellt sich die Zufahrt oder der Zugang von der Wohnbebauung im Westen zu einem großen, mit Dolomitpflaster hochwertig befestigten Messeplatz, frei gehalten für Veranstaltungen, als klare, strenge Achse, begleitet von einem Rasenstreifen als Übergang zu den Gehölzen des Parks dar. Früher hatte die Wegeverbindung selbst einen räumlichen Wert mit Aufenthaltsqualität. Blickpunkt war damals der Messeturm, der allerdings in den 70er Jahren abgerissen wurde.
Auf dem Platz zwischen den Hallen wurde ein Kunstwerk aufgestellt, eine 4,50 m hohe Skulptur einer Schnecke, das Kunst am Bau Projekt der renommierten amerikanischen Künstler Jason Rhoades und Paul McCarthy. Im Faltblatt der Stadt heißt es dazu: „Die Schnecke steht in ironischem Gegensatz zum Traum von Geschwindigkeit, verkörpert aber gleichzeitig mit ihrem tragbaren Haus die ewige Sehnsucht nach unbegrenzter Mobilität, wofür die Ausstellungsobjekte im Verkehrsmuseum stehen.“ Ihre Dimension ist der des befestigten Platzes angepasst. Efler erläuterte, dass es der Gedanke der Künstler sei, ganze Kioske mit Nippes aufzukaufen und die Gegenstände 10000-fach vergrößert wiederzugeben.
„Die Schnecke war schneller“ sagt Wiegel als Landschaftsarchitekt, der vom Park ausgehend den Eingangsbereich zu gestalten hatte, und auf die Frage antwortete, wie sich eine hierher versetzte, viel kleinere historische Pferdegruppe von Georg Roemer mit dem ganz anders gearteten faunistischen Kunstobjekt vertrage. Man habe sich dann aber doch entschieden, bei den Plänen zu bleiben, die sich an historischen Aufnahmen orientieren. Eine frühere kleine Mauer wird durch eine Eibenhecke nachgezeichnet, der Pferdeskulptur in Anlehnung an die Dimension eines Wasserbeckens mit einem Sockel ausgestattet. In dieser besonderen Situation war auch der Einbau einer vom Münchener Standard abweichenden Bank möglich. Der Platz liegt unter Bäumen, die mit drei Kastanien zu einem Hain ergänzt wurden. Es war eine Idee des Landschaftsarchitekten, auf einem schmalen Streifen östlich von Platz und Wegeverbindung in den Park unter weiteren alten Kastanien einen Biergarten anzulegen, der sehr schnell gut angenommen wurde.
Ob wohl die eine oder andere Maßnahme noch nachzurüsten ist? Die Frage blieb offen. Wünschenswert wäre aber auch, so die Landschaftsarchitekten, wenn an einigen Stellen Erläuterngstafeln aufgestellt werden könnten, die die Geschichte des Parks und seinen Wert auch im Detail den Bürgern nahe bringen.