Am Mittwoch, den 28. Oktober 2009 fand sich eine Gruppe in der
Neuen Pinakothek, München, zu einer Führung mit
Tanja Jorberg ein: „Natur, Landschaft, Garten in der Malerei“. Es handelte sich um die zweite von drei Führungen in den drei Münchener Pinakotheken, zu denen der DGGL Landesverband Bayern-Süd im Rahmen des DGGL Jahresthemas "Garten und Medien" einlädt. Die Reihe vermittelt einen Überblick der Entwicklung vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Dieser Abend umfasste die Epochen vom Klassischen über das Romantische bis zur beginnenden Moderne.
„Die berühmte mittelalterliche Darstellung des Paradiesgarten von Stephan Lochner ist im Grunde dasselbe wie der Vorgarten,“ so eröffnete Frau Jorberg die Führung. Sie lenkte damit den Blick auf ein Harmoniebedürfnis, wie es sehr deutlich auch in einem Bild des Nazareners Friedrich Overbeck zum Ausdruck kommt: „Maria und Elisabeth mit den Kindern“. Dieses Bild kopiert den Stil Raffaels, 1825 in unruhigen Zeiten gemalt bringt es in besonderer Weise die Sehnsucht nach Idylle und klarer Orientierung zum Ausdruck, verbunden mit religiösen Hoffnungen. Die Nazarener lebten in Rom, wurden jedoch im Wesentlichen in Deutschland rezipiert. Wenn sie Schulklassen der Stufen 8/9 fragte, welches ihr Lieblingsbild sei, seien diese Bilder immer dabei, auch und besonders bei denen, die sich betont „cool“ geben, so die Erfahrung der Kunsthistorikerin.
Einen deutlichen Gegensatz dazu weist der zu seiner Zeit sehr bekannte Jakob Phillip Hackert auf. Von ihm hat sich Goethe beim Malen auf seiner Italienreise anleiten lassen. Dokumentation sei das Ziel gewesen. Hackert habe nüchtern und naturgetreu gemalt. Seine Landschaften hätten tatsächlich so ausgesehen, dies gelte auch für den gezeigten Lago d´Averno, auch wenn er als Bild etwas konstruiert, idealisiert wirke. Nach Bildern Hackerts seien in Rügen die Gartenanlagen in Boldewitz rekonstruiert worden. (Im Schloss stammten die Klinken übrigens von Ikea, das mit dem schwedischen Denkmalamt zusammengearbeitet hätte). Hackert habe anders als die meisten Maler der Zeit in der freien Landschaft gemalt. „Ein solcher Maler brauche eine gute Konstitution, damit er es in der Öde aushalten könne wo die Natur noch nicht von Menschenhänden verstümmelt sei,“ so Goethe.

Jakob Phillip Hackert: Lago d´Averno (1794)
Im Gegensatz dazu zeigte Frau Jorberg ein Gemälde Ludwig Richters, eine in dunklen Farben gehaltene Landschaft, die sie eher an die Welt der Märchen erinnere.
Zur Objektivität dagegen war wieder Johann Christian Reinhardt angehalten, als er 1834 im Auftrag König Ludwig I in Rom den Blick in alle vier Himmelsrichtungen aus dem Turm der von ihm angekauften Villa Malta zu malen hatte. Der Auftrag war ungeliebt, Reinhardt zog an sich Phantasielandschaften mit antiken Motiven und erdachten Architekturen vor, die in der damaligen Zeit auch einen erheblich höheren Preis erzielten - „Die Erfindung des Korinthischen Kapitells durch Kallimachos“.
Johann Christian Rheinhardt: Die Erfindung des korinthischen Kapitells durch Kallimachos (1846)
Als Beispiel für das Genre der „heroischen Landschaften“ wurde der „Heilige Georg“ von Joseph Anton Koch besprochen. Die Szene des Drachenkampfes – im Mittelgrund von einer knienden Dame ergänzt – stellt Koch in eine sumpfige Landschaft mit zwei Burgen auf schroffen Felsen im Hintergrund dar, das ganze in einer gewaltigen Gewitterfront, die die eine der Burgen (die böse?) in dunkles Licht taucht, während die andere in helleren Bereichen liegt (die gute?). Tiefe, in Grautönen abgemischte Farben herrschen vor, Dramatik dominiert das ganze Bild.
Jorberg ordnet dies der Zeit zu, in der die Wissenschaften sich Phänomenen zuwenden, die mit den Sinnen nicht mehr erfassbar sind: Infrarot und ultraviolettes Licht. Goethe (wenn ich mich richtig erinnere) habe gesagt, tragisch sei nicht die Entdeckung, tragisch sei, dass man die Erforschung nun den Maschinen übereignet habe. Dies sei als bedrohlich empfunden worden, aber auch der Wille, die Natur zu beherrschen, zum Ausdruck gekommen.
Die Idyllisierung des Landlebens repräsentiert ein Bild Johann Christian Eberleins aus dem Jahre 1812/1813: zwei oder drei ruhige Kühe und eine Gruppe gut gekleideter Menschen werden gezeigt sowie ein Flötenspieler, der nach antikem Vorbild offensichtlich mehr Wert auf Freizügigkeit als auf vollständige Bekleidung legt, in arkadischer Landschaft mit heroisch-düsteren Anklängen; alle Elemente sind vorhanden: der See mit Schilf im Vordergrund, dunkle Bäume, ein kleines Stück Wiese (von dem die Kühe sich hoffentlich nicht nähren müssen), rauhe Felsen von Bauwerken gekrönt mit Durchblick aufs Meer im Hintergrund, am Horizont ein schwacher Lichtstreifen. Wie wohl solche Bilder in Frankreich oder Italien rezipiert wurden/werden? Die Komposition ist auf Harmonie angelegt, das Bild strahlt auch Ruhe aus, es fällt aber ein Hang zur Dramatik und eine dunkle Farbgebung auf.
Ein anderes aufschlussreiches Bild ist die Darstellung der Akropolis von Leo von Klenze. Es entstand im Auftrag König Ludwig I, der Studien zu den großen Vorbildern seiner architektonischen Pläne wünschte. Zur damaligen Zeit waren von der Akropolis nur noch Reste zu sehen. Klenze ergänzte sie in seiner Phantasie und gab den Gebäuden auch Farben in Rot und Blau. Die Szenerie erscheint in mystisch - überhöhtem Licht.
Nüchterner stellen sich Dokumentationen von Stadtszenen in München dar: Dominico Quaglio malte – ebenfalls im Auftrag des Königs – das Umfeld der Residenz mit einem privaten Nutzgarten eines Angestellten (!) und dem Rand des Hofgartens oder auch den Odeonsplatz mit dem Café Anast, wo ebenfalls noch „wild“ gewachsene Gärten und Gehölze zu sehen sind. Die Ludwigstraße ist erst später in seiner repräsentativen Form gebaut worden.
Caspar David Friedrich schlägt eine ganz andere Seite der Kunstgeschichte auf. Die Darstellung der Natur ist in seinen Bildern Sinnbild religiöser Inhalte. Häufig sind Symbole der Vergänglichkeit, Ruinen, abgebrochene Baumstämme, Friedhöfe, Abend oder Morgenstimmungen. Die Romantik, so Tanja Jorberg, sei eine Dämmerungskultur („Blaue Stunde“). Ein Mann wie Goethe, der Phänomenologe mit wissenschaftlichem Hintergrund, habe damit wenig anfangen können. Immer wieder habe Caspar David Friedrich von Greifswald aus versucht, den angesehenen Kunstkritiker mit Bildsendungen zu gewinnen. Er habe noch nicht einmal eine Antwort erhalten.
Das gezeigte Bild stellt den Sommer dar und ist Teil eines Zyklus der Jahreszeiten. Bei Friedrich wäre dieses Thema durchaus auch als Hinweis auf wiederkehrendes Leben, auf ein Leben nach dem Tod zu verstehen. Auch werden die Jahreszeiten mit den Lebensphasen eines Menschen verglichen. In dieser sehr hellen Sommerlandschaft von grünen Hügeln, in deren Mitte ein Wasserlauf in die Ferne weist, stehen Birken, Büsche, Sonnenblumen paarweise, als Paar werden zwei Tauben gezeigt. Ein Liebespaar im Alter von etwa Mitte zwanzig befindet sich in dieser hellen Weite in einer Laube.
„Wenn man nicht sät, kann man nicht ernten,“ sagt Tanja Jorberg und deutet die Botschaft Friedrichs so, dass man den Lebensphasen ihren jeweiligen Stellenwert lassen solle. Heute neige man dazu, noch mit vierzig der Jugend, dem „Frühling“ zugerechnet werden zu wollen. Damit nehme man der Jugend die Jugend.
Die Romantik sei in ihrer Symbolträchtigkeit dem Mittelalter verwandt. Sie komme ursprünglich aus der Literatur und habe in beispielsweise Frankreich ganz andere Themen als in Deutschland.
Adolf Heinrich Lier malte 1882 die Theresienwiese mit Bavaria an der Hangkante und dem dahinter liegenden heutigen Bavariapark. Wenn man sich mit dieser Anlage befasst hat (DGGL-Führung vom 29. Juli 2009), ist es sehr aufschlussreich, wie hier noch die ursprüngliche Idee zum Ausdruck kommt, mit einem Eichenhain eine Art säkulares Mysterium als Refugium König Ludwig I zu schaffen, damals noch vor den Toren der Stadt.
Die Entwicklung der Moderne konnte nur kurz angesprochen werden, jedoch mit eindrücklichen Bildern. Max Liebermann malte Alltagsszenen, so auch einen Biergarten in München.
Vincent Van Gogh bezwingt den Betrachter mit seiner Pinselführung. Im „Blick auf Arles“ (1889) wird das Auge von knorrigen Stellen der Weiden im Vordergrund in Richtung der Wachstumskräfte, den Trieben folgend, nach oben geleitet. Aus einem Bild der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts könnte die untere Hälfte der „Ebene bei Auvers“ (1890) stammen, meinte Frau Jorberg. Fast schon abstrakt wirkt die flächig dargestellte Wiesenfläche und vermittelt doch stark deren Eindruck. Van Gogh konnte seine Bilder kaum zum Herstellungspreis verkaufen, er wusste aber, dass sie einmal verstanden werden würden.
„Man muss schon in sich selbst gefestigt sein, um sich auf diese haltlosen Flächen einlassen zu können“, interpretiert die Kunsthistorikerin, wie auch zu einem Seerosen-Bild von Claude Monet.
Paul Cezanne: Der Bahndurchstich I (1870)
Einen neuen Naturbegriff habe Paul Cezanne eingeleitet, „die Farben steigen von den Wurzeln der Welt auf“, zitierte sie. Cezanne stelle Kräfte dar; über eines seiner Bilder habe Rilke von der „Gebirgigmachung des Tischtuches“ gesprochen. Mit großer Härte zeige er in einem Landschaftsbild einen Durchbruch durch eine Erhebung für eine Bahnlinie, das Feld im Vordergrund sei eigentlich nur noch als Farbfläche aufgeführt. Hier sei der Schritt in die Moderne getan.
Die dritte Führung in der Pinakothek der Moderne findet am Donnerstag, den 25. Februar 2010 um 17.30 statt - siehe hier.
Zum Thema "Über die Wirkung von Bildern in der Landschaftsarchitektur" - quasi komplementär zur Betrachtung von Gärten und Landschaft in der Malerei - wird im Anschluss an die Reihe Prof. Sabrina Wilk im März 2010 sprechen. Nähere Einzelheiten werden rechtzeitig bekannt gegeben.