An einem der ersten schönen Tage nach einer langen kühlen und regnerischen Zeit fand sich am 24. Juni 2010 eine Gruppe von ca. 30 Fachleuten und interessierten Laien zu einer Führung zur Hirschgartenerweiterung zusammen, eines von einer Reihe von Stadterweiterungsprojekten im Zuge des „Bahn 21“ Projektes München entlang der Gleistrasse Hauptbahnhof-Laim-Pasing.
Dipl.-Ing. Ulrich Rauh, Leiter der Planungsabteilung Baureferat Gartenbau mit seinem Projektleiter Herrn Emmerich von Seiten der Stadt und LA Klaus Neumann, realgrün, mit seinen Mitarbeitern Herr Burmeister und Frau Eicher hatten sich bereit erklärt, die Reihe von Führungen, die der DGGL-Landesverband Bayern-Süd zu städtischen Projekten anbietet, fortzusetzen. Zu „Bahn 21“ war der Landesverband vor zwei Jahren im Arnulfpark, im vorigen im Grünzug Winfriedstraße - Nachlesen siehe hier und hier.
In diesem Jahr wurde spürbar, dass es einmal eine Fuß- und Radwegeverbindung vom Hauptbahnhof bis nach Pasing geben wird. Sie wird begleitet durch einen projektübergreifenden „Pionierpark“, einer halb offenen Vegetation auf Schotterflächen der ehemaligen Bahnanlagen.
In München hat man es sich zum Ziel gesetzt, für jeden neuen Anwohner in neu erschlossenen Wohngebieten 17 qm Grünfläche bereitzustellen. In zweistufigem Wettbewerb wurde zunächst der städtebauliche Entwurf, dann in konkurrierendem Planungsverfahren das Grünkonzept entwickelt, für das realgrün den ersten Preis erringen konnte.
Die Wohnbebauung setzt sich zu einem Drittel aus sozialem Wohnungsbau, zu einem Drittel aus Wohnungen des sogenannten „Münchenmodells“, die auch bei schon höherem Einkommen gefördert werden, und zu einem Drittel aus Wohnungen hoher Preislage zusammen.
Letztere liegen dem Hirschgarten am nächsten. Weiße Bauten auf quadratischem Grundriss mit Loggien an den Ecken vermitteln einen Sinn für Lebensqualität, der sich wohl gut vermarkten lässt. Man darf vermuten, dass die Bauträger darin Erfahrung haben. In anderen Bereichen sind Winkel und Riegel in ähnlichem Duktus entstanden.
Das Wohnquartier ist durchzogen mit „Grünen Fingern“, die den Wohnbereich mit der öffentlichen Grünanlage verbinden.
Für die Flächen südlich des Hirschgarten sah Klaus Neumann einen Park vor, der als „Vorpark“ bewusst einen anderen Charakter aufweist als der Hirschgarten selbst. Der historische Volksgarten wurde in den 70er Jahren umgebaut, wobei er sich zu den damaligen Bahnflächen mit einem bis zu 7 m hohen bepflanzten Wall absetzte. Einen Durchgang mit Weg gibt es von einem Parkplatz mit Bestandsschutz (und vom Bezirksausschuss durchgesetzten Erweiterungsflächen) zum Hirschgarten, ein zweiter Durchbruch des Walls wird durch einen Trampelpfad „bespielt“.
Der Duktus des Parks orientiert sich an dem der Schotterebene, am Charakter der Vegetation ehemaliger Bahnanlagen. Bewusst wurde mit dem „Vorpark“ nicht an eine Fortführung des Stils im Hirschgarten, sondern an einen vorgelagerten Bereich mit eigenem Charakteristikum gedacht.
Mit nur geringem Kostenaufwand entstand eine blütenreiche Obstwiese, die so gepflegt werden soll, dass sie auch bespielbar sein wird. Die Wege werden orthogonal geführt. Wo eine Ost-West-Verbindung auf das Wohnquartier stößt, dessen Bauten den Durchblick gestatten, mag es manchem Radfahrer oder Fußgänger fragwürdig erscheinen, warum der öffentliche Durchgang verwehrt bleibt. Die Hausmeister tragen die Folgen. Nicht jeder folgt dem nach Süden abknickenden Weg.
Angesprochen wurden auch Vorgaben des Bebaungsplans, nach denen Zäune und Hecken vor den recht nah an den Wegen liegenden Terrassenbereichen untersagt sind. Ein kaputter Kaninchendrahtzaun, mit dem die Anwohner sich abzuschirmen wünschen, zeugt von Gegendruck zum ästhetischen Ideal einer hellen Bebauung, an die blühende Ruderalvegetation oder Wiese unmittelbar heranreichen sollte. Schon der Bauträger hatte einen Abstandsstreifen von Rasen erbeten und durchgesetzt. Das Bedürfnis der Abschirmung privater Außenräume scheint doch elemantar zu sein.
Viel investiert wurde in eine sehenswerte Skatebowl, deren Wände und Tribüne gleichzeitig als Schallschutz ausgebaut wurden. Hierfür wurde ein Fachmann hinzugezogen, der in seiner Jugend einschlägige Erfahrung als Skater gesammelt hat und diese nun umsetzt in Bauprojekte. Die Skater werden es ihm danken. Man rechnet damit, dass die Anlage einen Einzugsbereich über die Grenzen der Stadt hinaus haben wird. Dabei ist größte Sorgfalt auf den Lärmschutz verwendet worden, ohnehin sei Bowlskaten wesentlich weniger laut als Streetskaten. Es handelt sich um die zweite Anlage auf Münchener Stadtgebiet. Ulrich Rauh, dem überhaupt das Freiraumangebot für Jugendliche ein Anliegen ist, berichtete von Sorgen aus Haftungsgründen, aber auch vom bemerkenswerten Geschick der Skater. Bisher sei nichts passiert.
Das Spiel- und Sportangebot ist im Schnittpunkt von Pionierpark und Vorpark konzentriert. Angenehm mit einem Kunstrasen ausgestattet ist ein Bolzplatz neben der Skatebowl. Hier wurde nicht gespart, die Norm in München sieht an sich einen Asphaltbelag vor. Wie ein Spielbrett setzt sich der Platz mit seiner weißen Kante von der Umgebung ab.
Dahinter liegt eine Kletterwand und hohe Schaukeln als Klassiker unter den Geräten.
Noch höhere Schaukeln bietet ein Platz jenseits der Friedenheimer Brücke an, der ebenfalls den Jugendlichen als Treffpunkt dient. Wichtig für solche Treffpunkte ist dazu ein Unterstand, den Klaus Neumann als elegante Betonskulptur mit raffinierter Entwässerung und Statik plante. Regenrinnen sind nicht erforderlich. Noch besser habe sie ohne die Sitzgelegenheiten darin gewirkt, so Neumann, aber diese seien wohl erforderlich.
Mit Gabionen und wieder weißen Mauerabsätzen wurden Schotterflächen gefasst. Naturschutzvorgaben und Gestaltung finden so Einklang. Kurz angesprochen wurde die Frage, wie diese halb offenen Flächen gepflegt werden, damit sie nicht verbuschen.
Der Park nimmt in seiner Gestaltung den Duktus der durch Schotter und Ruderalflächen geprägten ehemaligen Bahnflächen auf. Artenreiche Biotope mit Eidechsen im Pionierpark und anmutiger Blütenreichtum im Vorpark, beides mit sparsamen Mitteleinsatz, werden kombiniert mit einem gut ausgestatteten Spielangebot. Mit Bäumen war man hier zurückhaltend, Schatten und das Schaukeln in die Bäume hinein entfällt, aber Schaukeln bleibt ein Klassiker und das Skaten ein außergewöhnliches Vergnügen in einer hochkarätigen Skatebowl.
Weitere Entwicklungsflächen befinden sich bei der Posthalle, die einmal die größte überspannte Halle Europas war und unter Denkmalschutz steht. Man wird sehen, wie sie genutzt werden wird und wie sich das Gebiet entwickelt. In jedem Fall aber bietet der durchgängige Fuß- und Radweg entlang der Ost-West-Trasse der Bahn vom Hauptbahnhof bis Pasing eine weitere Qualität für die Stadt und willkommene Ergänzung zur Grünverbindung entlang der Isar.
Eine Übersicht über das Veranstaltungsangebot des DGGL-Landesverbandes Bayern-Süd siehe hier.