Den Bedingungen einer Hitzewelle zum Trotz traf sich am 14. Juli 2010 eine Gruppe von ca 25 Personen, um von
LA Roland Großberger und LA Wolfgang Mesenich
(LH München) Hintergründe zur Planung des
Quartiersplatzes Bahndeckel Theresienhöhe zu erfahren.
„Kompakt, Urban und Grün“, nach diesem Motto verfolge die Landeshauptstadt München die innerstädtische Entwicklung, nicht die flächige Ausdehnung. Diesem Leitbild sei man auch hier gefolgt, so Wolfgang Mesenich, der zunächst den städtebaulichen Zusammenhang erläuterte.
München sei nach wie vor eine wachsende Stadt. Man erwarte in den nächsten Jahren einen erheblichen Bedarf an neuen Wohnungen. Auf dem ehemaligen Messegelände sei ein Mischgebiet nach einem städtebaulichen Entwurf von Steidle & Partner entstanden. In unmittelbarer Nachbarschaft des Quartiersplatzes befänden sich Wohnungen des sozialen Wohnungsbau mit einem hohen Bevölkerungsanteil an Migranten.
Den Anwohnern des neu entstandenen Quartiers stehen drei sehr unterschiedliche Grünflächen zur Verfügung: der historische Bavariapark mit einem alten Baumbestand und Wiesenflächen - der DGGL-Landesverband Bayern-Süd konnte seine Instandsetzung nach einem von der Stadt beauftragten Pflegeplan im vorigen Jahr mit einer Führung mit LA Otto Efler (LH München) und LA Helmut Wiegel besichtigen, siehe hier - der Georg-Freundorfer-Platz mit einem vielfältigen Angebot an Spiel- und Sportflächen - der Platz wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet - und eben der Quartiersplatz auf dem Bahndeckel. Zu diesem solle an der Ganghoferstraße noch ein Spielplatz für Kleinkinder ergänzt werden.
Vergleichbare Projekte, bei denen Grünanlagen und Freiflächen auf Verkehrs-Überdeckelungen im Stadtgebiet angelegt wurden, seien die Anlage Dülferstraße über dem U-Bahntunnel und der
Petuelpark über dem Mittleren Ring. In diesem Fall war eine vorhandenene Überdeckung der Bahnlinie nach Rosenheim/Salzburg zu sanieren. Dies sei recht aufwendig gewesen, so Mesenich, von der Bausumme von neun Millionen Euro seien fünf auf die Sanierung entfallen. Auch habe man keine so hohe Tragfähigkeit erreichen können wie bei einer Anlage, die neu aufgebaut wird. Bei solchen Projekten aber spielten eine Vielzahl von Faktoren eine Rolle, so etwa Eigentumsfragen, so dass andere Wege wenig gangbar erschienen seien.
Der Quartiersplatz Bahndeckel Theresienhöhe stellte also eine besondere statische Herausforderung dar. Für die Gestaltung der dritten Freifläche im Stadtquartier legte die Stadt darüber hinaus besondere Maßstäbe an, indem ein internationaler Wettbewerb für Künstler und Landschaftsarchitekten ausgeschrieben wurde. Es handelte sich um ein QUIVID-Projekt - das Kunst-am-Bau-Programm der Landeshauptstadt München.
Gewonnen hat diesen Wettbewerb das LA-Büro Topotek1 aus Berlin gemeinsam mit der Künstlerin Rosemarie Trockel aus Köln und der kanadischen Architektin Catherine Venart, bei deren Entwurf der genius loci der Bahnverbindung aufgegriffen worden sei, indem orange Mauern den Schienenverlauf nachzeichnen. Die Idee des Reisens werde quasi symbolisch durch den Übergang von bis zu fünf Meter hohen Rasenhügeln, die für das Alpenvorland stünden, zu einer „Dünenlandschaft“, die an die Nord- und Ostsee erinnern, aufgegriffen. Dies, so meinte man, rege die Phantasie an - „transporting landscape“.
Wolfgang Mesenich stellt kurz auch die Entwürfe der anderen vier Preisträger vor und erläuterte die Entscheidung der Kommission. Der Gedanke von Martha Schwartz, die Fläche mit einem Patchwork von einzelnen Parzellen zu belegen, die unterschiedlich genutzt werden sollten, auch mit Mietergärten, habe Zweifel ausgelöst, wie die Pflege zu bewältigen sei. Was, wenn einzelne Parzellen einfach verkommen würden? Ein stark graphisch wirkender Entwurf, bei dem mit weißen Mauern und Rasenflächen eine Art Borkenkäfermuster aufgezeichnet worden wäre, habe Zweifel an der räumlichen Wirkung und Nutzbarkeit ausgelöst. Am grünsten wäre eine Variante mit Rasenflächen und Hecken gewesen, die aber auch verschiedene Probleme der Pflege mit sich gebracht hätte, so die Einschätzung der Kommission. Der prämierte Entwurf sei der einzige mit einem Bezug zum Thema Bahn gewesen.
Im Laufe des Bauprozessses sei er mehrfach umgearbeitet worden. Barrierefreiheit, Sicherheitsfragen an den orangen Stützmauern u.a.m. seien zu berücksichtigen gewesen. Zu verschiedensten Fragen seien Gutachten in Auftrag gegeben worden. Den Anwohnern sei die Gefahr des Elektrosmogs durch die Leitungen der Bahn unter den Spielflächen ein besonderes Anliegen gewesen. Die Messwerte lägen zwar weit unter den Grenzwerten, dennoch habe man in diesem Punkt besondere Vorsicht walten lassen.
Von LA Roland Großberger, verantwortlich für die Leistungsphasen 5-8, erfuhren die Teilnehmer eine Fülle von Details zur Ausführung des Projektes, das außergewöhnliche Anforderungen stellte beispielsweise zur Entwässerung, zum Einbau von Dehnungsfugen und beim Auftrag des Asphaltbelags, aber auch zum Aufbau der künstlichen Dünen. Nur 8 Monate habe die Bauzeit betragen, bis der Quartiersplatz im Juni 2010 der Öffentlichkeit übergeben werden konnte. In drei Losen sei der Auftrag vergeben worden, zum einen die Vorgartenzone mit Pflanzung von 2000 Gräsern und 8500 Zwiebeln, zum zweiten die Dünenlandschaft und zum dritten die Rasen- und Kunstrasenskulpturen.
43 Ausführungspläne habe es gegeben, die genaue Ausarbeitung der Details habe sich bewährt. Roland Großberger zeigte beispielsweise den Aufbau der künstlichen Dünen- und Rasenerhebungen mit Leichtbaustoffen. Geschliffen habe man an ihrer Ausformung, das Aufbringen der Abdeckung sei eine Herausforderung gewesen. Eine Kletterlandschaft in Quarzkiessand - vom TÜV als besonders günstig für den Fallschutz bewertet - sei von einer ehemaligen Werft in Polen gebaut worden. Sie sei mit 30x30 qcm großen Platten auf dem Untergrund befestigt worden.
Auf der Südseite vor einem Kindergarten- und Schulbau ist die einzige Fläche mit Bodenkontakt. Hier wurde eine Reihe von Säulenpappeln gepflanzt. An dieser Stelle habe die Stadt eine Trinkwasserleitung gelegt, was sich sehr bewährt habe, um Nebeldüsenstelen nachzurüsten - passend zum Thema Strand und wohltuend an warmen Tagen.
Zum Strandthema passend wurden auch die Kiefern in anthrazitfarbenen Pflanzgefäßen auf der Nordseite gewählt, von Rein Cano, dem Geschäftsführer von Topotek1, absichtlich als skurril gewachsene Bäume ausgesucht.
Im Bereich der beginnenden Rasenerhebungen wurde Kunstrasen eingebaut. Hier, in den den Bahnleitungen am nächsten gelegenen Flächen wurde der Rasen mit Parkplatz-Markierungsnägeln im Raster 40x40 cm bestückt, um das Lagern zu verhindern. Man wollte wegen der Strahlenbelastung auf Nummer sicher gehen, dieses Thema muss in den Besprechungen mit den Bürgern ein dominantes gewesen sein.
Auf dem höchsten Punkt der Rasenerhebung versammelte sich die Gruppe der DGGL noch einmal, um auf das Projekt zurückzublicken. Von hier aus konnte man auf der einen Seite auf die Bahngleise, auf der anderen auf die Landschaftsskulptur Bahndeckel Theresienhöhe sehen. Mag es aufwendig sein, in solch einer Lage einen Platz zu gestalten, die Wirkung, die Ruhe, die davon ausgeht, dass Schule und Wohnbebauung über die Bahnlinie hinweg verbunden sind, konnte man stark empfinden. Die komplementäre, doch ruhige Farbgebung mit grünen Rasenflächen, orangen Linien, rot-orangen Tönen auch in der Bebauung, Sandfarben und Asphalt mit Basaltsplit kam von hier aus wirksam zur Geltung.
Ein Teilnehmer sprach der Stadt eine ausdrückliche Anerkennung dafür aus, dass das Projekt in Abstimmungsprozessen nicht verwässert worden sei, sondern seine Linie als Landschaftsskulptur konsequent umgesetzt worden sei. Dies sei etwas Besonderes, ein „klassischer“ Park mit Bäumen und Wiesen sei mit dem Bavariapark ja in unmittelbarer Nähe vorhanden.
Auf die Frage, wie die Anwohner reagiert hätten hieß es, sie seien den Erklärungen zum Konzept gegenüber sehr aufgeschlossen gewesen. Allerdings wurde auch das Fehlen beispielsweise von Schattenbereichen angesprochen. Welchen Stellenwert haben solche Bedürfnisse in einer Gestaltung, die bewusst mit Künstlichkeit arbeitet und sich als symbolträchtige Landschaftsskulptur versteht, aber auch als Quartiersplatz belebt werden soll?
Am 23. Juli 2010, 15.00-20.00 Uhr veranstalten das Baureferat der Stadt und der Bezirksausschuss ein Bürgerfest zur Einweihung. Es wird dann auch - neben zahlreichen anderen Angeboten - der Planer Rein Cano anwesend sein, so dass solche Fragen gestellt und der künstlerische Ansatz noch einmal erfahren werden können.