Am 27. und 28. Juni 2008 fand das 19. Weihenstephaner Gartendenkmalpflege-Seminar zum Thema "Pflegekonzeptionen für landschaftliche Gärten und Anlagen" mit einer Exkursion nach Augsburg statt. Dr. Saruhan Mosler berichtet:
Die Gartendenkmalpflege zielt auf die nachhaltige Erhaltung historischer Gärten und Anlagen aus verschiedenen Epochen und Typen. Pflegekonzeptionen für landschaftliche Gärten und Anlagen sind besonders wichtig, da der Nutzungsdruck oft Probleme verursacht. Deshalb müssen sie auch entsprechend vielfältig und ausführlich bearbeitet werden. Erste Konzepte zur Erhaltung und Pflege entstanden in den frühen 1980er Jahren. Welche Dimensionen solche Aufgaben beinhalten und wie Entwicklungen verlaufen können wurden ebenso wie mögliche Probleme von den Landschaftsarchitekten am 27. und 28. Juni anlässlich des 19. Weihenstephaner Gartendenkmalpflege-Seminars vorgestellt und diskutiert.
Zahlreiche Teilnehmer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz konnten sich am Freitag über aktuelle Pflegekonzeptionen für landschaftliche Gärten und Anlagen unterschiedlicher Epochen anhand von Beispielprojekten informieren. Nach der Eröffnungsbegrüßung durch den Präsidenten der Fachhochschule, Prof. Hermann Heiler, berichtete LA Peter Kluska vom neuen Pflegekonzept für den Westpark München, welcher heute, ein Vierteljahrhundert nach der Gartenschau IGA 83, als Gartendenkmal betrachtet werden kann. Nachdem Herr Kluska die Entwurfs- und Entstehungsgeschichte des Parks erläutert hat, berichtete er über das Parkpflege- und Entwicklungswerk. Der Westpark mit seiner Hügel- und Seelandschaft und umgeben von nachgewachsener Vegetation ist heute einer der meistbesuchten Parks in München. Durch die unterschiedlichen Kulturen und Schichten der Besucher variieren die Nutzungsarten von Spaziergängen über sportliche Aktivitäten bis zu Grillen und Feiern, daher ist der Nutzungsdruck entsprechend hoch. Das Pflegewerk beinhaltet Bewertung und Maßnahmen zu den Vegetationsbereichen Gehölze, Einzelbäume, Rand- und Uferzonen der Wasserflächen, Nutzungskriterien, Nutzungskonflikte und bautechnische Anlagen. Es wurde diskutiert, dass der Pflegewerksplan für solch bedeutende Anlagen oft sehr spät umgesetzt wird. Daher sollten Pflegepläne und Empfehlungen zur Erhaltung und Entwicklung bereits im Zusammenhang mit der Planung von Gärten und Anlagen konzipiert werden.
Über den weltgrößten Stadtpark, den Englischen Garten in München, hat LA Rainer Herzog, Gartendirektor Bayerische Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen München, berichtet. Um die Nutzungs- und Pflegekonzeption besser erklären zu können, erläuterte Herr Herzog zunächst die Entstehungs- und Nutzungsgeschichte. Die Parkgeschichte begann 1789 mit dem Auftrag vom Bayerischen Kurfürst Karl Theodor zur Gestaltung eines Erholungsparks an der Isar für die Öffentlichkeit. 1792 wurde der Park zur Nutzung freigegeben. 1804 übernahm Friedrich Ludwig von Sckell die Leitung des Parks und gestaltete den Landschaftspark mit einer sozialen Bedeutung, in dem Stadtmenschen sich in der Natur frei bewegen, erholen und gut fühlen können. Seit dieser Zeit wird der englische Garten intensiv und vielfältig genutzt, was auch eine Parkordnung von Anfang an erforderte. Nutzungsdruck (etwa 3,5 Millionen Besuchern pro Jahr), Vandalismus und rücksichtsloses Verhalten beschädigen die gärtnerischen und baulichen Anlagen. Der Gartendirektor sieht hier Bedarf an Aufklärung über Bedeutung und Wert historischer Gärten, die Gesellschaft soll für Formen und Normen der Nutzung historischer Anlagen sensibilisiert werden.
Nach dem traditionellen Pichelsteiner-Essen auf der sonnigen Terrasse des Bräustüberls berichtete ein Mitarbeiter vom LA-Büro Helmut Wiegel über den Bamberger Hain an der Regnitz. Auch hier hat die Übernutzung durch steigende Aktivitäten große Schäden hinterlassen, der größte Verlust entstand jedoch durch den Bau der Südtangente 1973. Der Bamberger Hain weist neben historischen Werten auch reiche ökologische Bedeutung auf. Durch seine auwaldähnlichen Gehölzbestände, seine Vielzahl an Vogel- und Fledermausarten sowie zwei europaweit vom Aussterben bedrohte Käferarten benötigen Pflegekonzeptionen besondere Werte. Daher sollte ein Managementplan, ein integriertes Entwicklungs- und Pflegekonzept für Denkmal- und Naturschutz, erstellt werden, welcher neben Schutzaspekten auch die Naherholung der Bamberger Bürger beinhaltet.
Im letzten Vortrag berichtete LA Jochen Martz von der DGGL Bayern-Nord über den Pötzleinsdorfer Schlosspark am Stadtrand von Wien, einen der frühen, erhaltenen Landschaftsgärten Österreichs. Ab 1799 wurde der Schlosspark, ursprünglich ein Freihof und Gut, sukzessive erweitert und befand sich bereits kurz nach 1880 in bemerkenswertem Zustand. Der heutige Baumbestand geht auf das 19.Jahrhundert zurück, während die originalen Gartengebäude, einige Wege und Wiesen im 20.Jahrhundert fast vollkommen verschwunden sind. Zahlreiche Veränderungen und Verwilderungen reduzierten die historische Gestaltungsqualität. Ab 2006 konnte der Park unter Denkmalschutz gestellt und die ersten gartendenkmalpflegerischen Maßnahmen ergriffen werden. Besondere Schwerpunkte beim Pflegewerksplan sind die Wiedergewinnung der Raumbildungen und Sichtachsen ebenso wie der Wiederaufbau der Baumgruppen.
Am zweiten Tag fand die traditionelle Exkursion statt, in diesem Jahr führte sie nach Augsburg. Treffpunkt war im Kurhauspark Göggingen. Das Highlight des Parks war mit seiner filigranen Glas- und Eisenarchitektur der Jahrhundertwende das sogenannte Gesellschaftshaus, das als Theater, Wintergarten und Kursaal genutzt werden kann. Es ist räumlich und funktional mit dem umgebenden Landschaftsgarten, nach historischen Grundlagen wiederhergestellt, verbunden. Nach einem Spaziergang durch den sehr gepflegten Landschaftsgarten wurde der 1996 vollständig rekonstruierte Goldene Saal des Augsburger Rathauses besichtigt. Prof. Thyroff hat deutlich gemacht, dass der Nachbau des Saals nur eine Möglichkeit des ursprünglichen Aussehens darstellt. Hier geht es nicht um den authentischen Wert des Denkmals, sondern die historische Bedeutung des Saals zu vermitteln und das heutige Interesse an der Vergangenheit als Freizeitbeschäftigung zu erfüllen. Der in der Renaissance erbaute und für repräsentative Zwecke genutzte Saal beeindruckte alle Teilnehmer. Nachmittags führten Prof. Dr. Goecke und Prof. Thyroff zwei Gruppen auf einem Innenstadtrundgang über historische Straßen und Plätze. LA Helmut Wiegel stellte den Garten am Schaetzlerpalais vor; das von ihm vorgelegte Planungskonzept beinhaltet die Wiederherstellung der Grundstrukturen der Anlage mit Wegen und Pflanzenfeldern. Die Gestaltung der Gartenanlage sollte Bezug auf das Rokokopalais nehmen, aber gleichzeitig funktional und resistent gegen Nutzungsdruck für zahlreiche Veranstaltungen sein. Bei der Besichtigung der Grünflächen entlang der Wallanlagen wurde deutlich, dass historische Anlagen, wenn sie gut geplant und in den Städtebau integriert sind, von den Bürgern auch angenommen werden. Das Kräutergärtlein in den ehemaligen Wallanlagen wurde nach historischem Vorbild neu geschaffen. Der ursprüngliche Rosengarten, die 1951 vom Gartenarchitekt Ludwig Roemer gestaltete Terrassenanlage, ist hingegen leider verschwunden. Die schwingende Betonbrücke aus den 50er Jahren über den Wassergraben ist das einzige Gestaltungselement aus diesem Garten. Die Fuggerei, berühmteste Touristenattraktion Augsburgs und älteste Sozialsiedlung der Welt, bildete einen letzten Höhepunkt auf dem Rundgang. Die 1521 gestiftete Wohnsiedlung für bedürftige Bürger beinhaltet 140 Wohnungen mit idyllischen Gärten und Grünanlagen, umgeben von Mauern und Toren, eine „Stadt in der Stadt“. Die Jahresmiete beträgt noch immer den Nominalwert eines Rheinischen Guldens (aktuell 0,88 Euro).
Ein gemeinsames Abendessen aller Teilnehmer auf der Terrasse des Rathausrestaurants mit Blick auf den historischen Elias-Holl-Platz beendete einen rundum gelungenen Exkursionstag und das 19. Gartendenkmalpflege-Seminar.
Dr. Saruhan Mosler