Am Dienstag, den 10. März 2009 fand in der
Alten Pinakothek in München eine
Führung zum Thema „Gärten in der Malerei“ statt. Der DGGL Landesverband Bayern Süd griff mit dieser Veranstaltung das Jahresthema der DGGL 2009 auf: „Garten und Medien“.
Aufgabe von Medien ist es, Informationen, Ideen und Gedankengut zu verbreiten, um weite Kreise für diese zu gewinnen. Wenn man von Medien spricht, denkt man zunächst an Presse, Rundfunk, Fernsehen oder auch an das Internet. Aber auch Bilder sind Medien und hatten als solche in früheren Jahrhunderten einen zentralen Stellenwert. Gärten selbst können als Medien wirken. Sie werden gestaltet und drücken damit immer Ziele oder Ideale aus. Als Kulturgut haben Gärten den Weg in die Malerei gefunden und spielen eine wichtige Rolle als Ausdrucksmittel.
Kunst ist immer auch ein Spiegel der Zeit. Die Kunsthistorikerin Tanja Jorberg führte lebendig vor Augen, welch ungeheure Umwälzungen sich im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit abspielten. Es gelang ihr, den Geist des Aufbruchs, das Ringen um alte Ordnungen und die Faszination des Neuen in Wissenschaft und im Umgang mit der Natur aus Jahrhunderte alten Bildern aufzuschlüsseln.
In dieser Zeit wurden neue Kontinente entdeckt. Eine Fülle bis dahin unbekannter Pflanzen- und Tierarten findet sich in Fantasielandschaften wieder, die meist den Rahmen religiöser Themen bilden. Von neun Bildern, die näher betrachtet wurden, zeigten sechs Maria mit Kind oder eine Verkündigung, drei weitere eine Art Paradiesgarten, den heiligen Johannes und eine Passion Christi.
Tanja Jorberg zeigte sich interessiert, wie solche Bilder aus der Perspektive eines ganz anderen kulturellen Kontext wirken würden. Ob religiös oder nicht, in unserem Kulturkreis wecken Mariendarstellungen immer bestimmte Assoziationen. Nah ist da die Verbindung von der Idee der Reinheit und der des Gartens. Der Topos wirkt bis in die Neuzeit hinein.
Wegen der Hängung in nicht ganz chronologischer Reihenfolge eröffnete Tanja Jorberg die Führung mit einem Bild von Jan Brueghel dem Älteren (1568-1625). Die heilige Familie sitzt hier im Zentrum in einem schattigen Baumbestand, der sich nach hinten in eine besonnte Lichtung öffnet, auf der Rehe grasen – ein Hinweis auf das Paradies. Rehe gehören zu den wenigen Tieren, die im westlichen Kulturkreis mit positiven Werten besetzt sind. Zahlreiche andere Tiere sind integriert. Die ganze Szene wird von einer artenreichen Blumengirlande umrahmt, deren Ausformung die Buchstaben des Namens „Maria“ enthält. Sie bestimmt das Bild: Maria als Tor zum Paradies.
Auf das berühmte Bild „Paradiesgärtlein" (um 1410), das in Frankfurt hängt, konnte Tanja Jorberg nur kurz anhand einer Reproduktion hinweisen. Darin ist Maria in einem geschlossenen Garten gezeigt.
Sie wandte sich dann dem Bild „Das Goldene Zeitalter“ von Lucas Cranach d.Ä. (1472-1553) zu. In ihm zeichnet sich ein gewaltiger Umbruch ab. Der bis dahin gebräuchliche Goldgrund als Hintergrund wurde durch Landschaft und Pflanzen als Kulisse abgelöst. Eine Gruppe nackter Menschen tanzt um einen Baum, andere halten sich paarweise in dem von einer Mauer umfriedeten Garten auf. Auch Tiere – Löwen, Rehe, Vögel - treten als Paare auf. Man ist sich der Körperlichkeit der Figuren aber nicht ganz sicher. Die Genitalien sind jeweils sinnbringend von vorwachsenden Blättern bedeckt. Die „böse Eva“ fehlt. Handelt es sich um ein in damaliger Zeit revolutionäres oder eher ein verhaltenes Werk? Nach der Einschätzung von Tanja Jorberg sind beide Tendenzen abzulesen. Janusköpfig hält man an der Paradiesidee fest, (kein Bild konnte damals ohne Auftraggeber gemalt werden), sucht Halt in Umbruchzeiten, gleichzeitig zeichnen sich in den Gesten und dem Verzicht auf den Goldgrund sowie der Wahl der diesseitigen Pflanzenwelt als Kulisse Strömungen der Neuzeit ab.
Anhand einer Darstellung des Heiligen Johannes in einer Fantasielandschaft von Hans Burgkmair d.Ä. (1473-1531) führte Tanja Jorberg aus, was solche Neuerungen in damaliger Zeit bedeuten konnte. Das Bild kombiniert heimische Arten mit solchen aus der „neuen Welt“, Pflanzen und Tiere, exotische Bäume und Löwenzahn finden sich in dieser Fantasie-Landschaft, eine Kohlmeise kontaktiert einen Papagei. So etwas Weltliches war es nicht wert, gemalt zu werden. Die Kunst hatte sich dem Heiligen zuzuwenden. Giotto wurde noch verbannt, weil er seinen Bildern den Goldgrund genommen hatte. Hier bricht der blaue Himmel auf und eine Gottvaterfigur erscheint. Gold findet sich nur noch in einer den Geist versinnbildlichenden Diagonale zwischen den beiden Figuren und einem kaum wahrnehmbaren Heiligenschein.
Der Himmel „hatte sich verschlossen“, man wandte sich der Betrachtung der Natur und den Wissenschaften zu. Kein Wunder, dass dies Widerstände hervorrief.
Das Aufbrechen der Wahrnehmung war verbunden mit dem Erkennen des Inneren im Unterschied zum Äußeren. Roger van der Weyden (1399/1400-1464) malte die Heilige Familie in einer Architektur. Dahinter erscheint eine Terrasse, die merkwürdiger Weise mit Rasen bewachsen ist. Von dort aus öffnet sich der Blick in die Landschaft. Die Faszination der Perspektive erscheint in diesen Bildern immer wieder.
Gärten bilden auch den Rahmen einer Passionsdarstellung – Golgatha zwischen dem Garten Gethsemane und dem geöffneten Grab in einem umfriedeten Raum.
Albrecht Dürer (1471-1528)löst sich im "Paumgartner Altar" ganz von Attributen der Heiligkeit. Noch nicht einmal mehr ein Heiligenschein kennzeichnet Maria und Josef mit dem Kind als göttlich. Sie werden in einer Ruine gemalt, der Blick öffnet sich in eine Landschaft mit blauem Himmel. Der Künstler war der erste, der mit dem Studienblock wirklich in die Natur ging.
„So sieht der Himmel von innen aus – und so sieht der Himmel von außen aus“, das habe ihr Sohn im Alter von 3-4 Jahren formuliert, als sie anhand von zwei Kunstdrucken darüber nachgedacht habe, warum der eine einen goldenen Hintergrund, der andere dagegen einen blauen Himmel zeige. Besser könne man es nicht sagen, fand Tanja Jorberg, sie habe ihre Bücher zu dieser Frage daraufhin vorerst zugeklappt. Sie zeigte mit diesem Zitat auch die Wucht der damaligen Auseinandersetzungen auf. Mit viel Mut habe man sich den aktuellen Fragen geöffnet, eine Tugend, die man sich heute manchmal wünschte. Kunstgeschichte sei nicht nur Auseinandersetzung mit Vergangenem. Interessant sei es, etwas für die heutige Zeit Relevantes daraus zu lesen.
Francesco Francia Raibolini (1450-1518) „Madonna im Rosenhag“ war eines von vier Bildern südlich der Alpen, die betrachtet wurden. Als blühender, anmutiger empfand Tanja Jorberg die italienischen Marienfiguren. Später, in der Hochrenaissance bei Raffael (1483-1520), sei es für kurze Zeit gelungen, das Geistige und Sinnliche gleichermaßen einzufangen. Leonardo da Vinci (1452-1519) zeigte Maria in einem Gebäude mit Blick in eine Fantasielandschaft - "Im Innenraum angekommen", sagt Tanja Jorberg. Fra Filippo Lippi (1406-1469) sei mit seiner Verkündigungsszene in hochmoderner Architektur mit Blick in einen Garten gleichzeitig fortschrittlich und rückwärts gewandt. Immer spiele die Symbolsprache der Pflanzen eine große Rolle: die Lilie als Symbol der Reinheit, die rosa Rose (in der durchlässigen Umfriedung bei Raibolini) eine Verbindung der roten Rose, die für den Leidensweg, aber auch für die Liebe stehe, mit der weißen, die für die ebenfalls die Reinheit symbolisiere. Nelken hätten nördlich und südlich der Alpen eine verschiedene Bedeutung: hier die Passion, dort die Auferstehung.
Pflanzen- und Tierwelt, Fantasielandschaften, Architektur und der Garten als umfriedeter Raum konnten in ihrer Bedeutungsvielfalt nur ansatzweise erfasst werden. Deutlich aber hat sich mitgeteilt, in welch hohem Maße sie im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit Thema waren. Viel könnte man, wenn man die Reihe der Bildbetrachtungen fortsetzen und sich späteren Epochen zuwenden würde, auch über Impulse für Gartengestaltungen aus der Malerei erfahren. Beides hat immer auch aufeinander gewirkt. Was würde wohl dabei herauskommen, wenn man dieses Thema in der zeitgenössischen Kunst aufgreifen würde?